Briefe nicht über die Liebe. Viktor Schlofsky. Film von Bernhard Sallmann

Film
Freitag, 12. Mai 2017 - 19:00

BRIEFE NICHT ÜBER DIE LIEBE
Videoessay für Splitscreen nach dem Berlin-Roman „ZOO oder Briefe nicht über die Liebe“ (1923) des sowjetischen Autors Viktor Schklowski
Deutschland 2006, DigiBeta, Farbe, Stereo, 4:3

Buch und Regie: Bernhard Sallmann
Kamera: Alexander Gheorghiu
Ton: Johannes Schmelzer-Ziringer
Zusätzliche Tonaufnahmen: Anette Rose, Bettina Bartzen
Tonmischung: Urs Hauck
Montage: Christoph Krüger
Grafik: Florian Hildmann
Deutsche Übersetzung: Alexej Khairetdinov
Sprecherinnen: Olga Prolygina (deutsche und russische Fassung) Natalia Mikhailova (englische Fassung)
Sprecher (englische Fassung): Bernhard Sallmann
Sprecher (deutsche und russische Fassung): Fritz Mierau, Alexej Khairetdinov, Sergij Antonov, Vjaceslav Stil, Aleksandr Kahadski, Andrej Khabarov, Andrei Loginov, Nikolai Kosenko, Zakhar Ishov, Viktor Kirushin, Kirill Romanovskiy, Michael Michelew, Aleksej Nesterow
Produktion: Klaus Dörr
Gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds

Deutsche Sprachfassung 60 Minuten
Englische Sprachfassung 63 Minuten
Russische Sprachfassung 55 Minuten

SYNOPSIS

Der sowjetische Autor Viktor Schklowski (1893-1984) lebte 1922/23 in der Berliner Emigration und verfaßte das Buch „ZOO oder Briefe nicht über die Liebe“. Aus einigen Briefstellen gewinnt der Regisseur Bernhard Sallmann das Lesematerial für sein komplexes Videoessay für Splitscreen BRIEFE NICHT ÜBER DIE LIEBE und konfrontiert es mit Bildern und Tönen des gegenwärtigen Berlin.

BRIEFROMAN UND VIDEOESSAY

„Ich denke ziemlich oft an Viktor Schklowski [...] Ich denke an ihn als den Schriftsteller neuen Typs. Er hat die Anlagen dazu. [...] Viktor Schklowski nahm seine nackten Menschenhände als Sprachrohr, weil er gerade kein anderes Material zur Hand hatte. [...] Als Beimischung diente die Scharfsinnigkeit. Schklowski ist ein Mann von Scharfsinn – bestechend und sehr traditionell. [...] Der Mann von Scharfsinn schont seine Sache nicht: Ihm liegt daran, in seiner Sache selbst vorzukommen, seine Beziehung zu ihr geht ihm über alles. Genau das heißt Sentimentalismus, und alle wirklichen Sentimentalisten waren scharfsinnige Leute.“
Juri Tynjanow „Ich denke ziemlich oft an Viktor Schklowski...“(1928)

Der sowjetische Autor, Literatur-, Filmtheoretiker, Szenarist für das Kino, Essayist und Kritiker Viktor Schklowski (1893-1984) war einer der Mitbegründer der Formalen Methode in der Literaturwissenschaft. Er lebte 1922/23 mit etwa 300 000 RussInnen in der Berliner Emigration. Dort verfaßte er das Buch „ZOO oder Briefe nicht über die Liebe“.

In ZOO wechseln sich das liebende Autoren-Ich und die es nicht liebende Alia Briefe. Vom Leitthema des NICHT/LIEBESDISKURSES werden alle weiteren Themen entfaltet: Stadtwahrnehmung, der fremde Russe in Berlin, der kulturelle und alltagssoziologische Vergleich, ästhetische und literaturwissenschaftliche Debatten. Dauernd werden die Schreibstrategien gebrochen und wie in einer musikalischen Formensprache kehren die Topoi wieder (etwa die gußeisernen Yorckbrücken). Nach verschiedenen Navigationen durch Berlin endet das Buch mit der Bitte, in die Sowjetunion zurückkehren zu dürfen.

Bernhard Sallmann wählt aus dem Briefroman Stellen für sein Videoessay für Splitscreen aus, die von in Berlin lebenden RussInnen in deutsch und russisch gelesen werden. Die Texte aus den 20er Jahren werden nicht mit einzelnen die Leinwand füllenden Bildern aus dem heutigen Berlin verbunden, sondern begegnen einem sich variierenden Feld verkleinerter Bilder, um einen Erinnerungsspalt und Formen der Ent- und Verfremdung aufzutun. Texteinschübe, die in der grafischen Gestaltung eine Auseinandersetzung mit der Plakatästhetik und den Stummfilmzwischentiteln der damaligen Zeit darstellen, leiten die Lektüren ein. Und Bilder schließlich, die die gesamte Leinwand füllen, jedoch in ihrer Komposition oftfach Teilungen aufweisen, sind die Navigationspunkte für die Lektüren. Farbdramaturgisch vertraut die Videoarbeit auf das Rot als Protagonisten. Bewegungsdramaturgisch auf die in der Stadt sich befindenden Autos und die Rotation des Reifens.

ADDENDA

Viktor Schklowski wurde 1893 in Petersburg geboren und starb 1984 in Moskau. In den 10er und 20er Jahren des letzten Jahrhunderts war er einer der Begründer der Formalen Methode in den Literaturwissenschaften, die im OPOJAS, der Gesellschaft zum Studium der poetischen Sprache, organisiert war. Bedeutsam ist seine erste Publikation „Die Erweckung des Wortes“ (1914). Neben den literaturtheoretischen Texten arbeitete er an autobiografischen Büchern: Sentimentale Reise (1923), ZOO oder Briefe nicht über die Liebe (1923), Dritte Fabrik (1926). In der zweiten Hälfte der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts arbeitet er in verschiedener Funktion für den Film und schreibt u. a. Drehbücher für die Stummfilme NACH DEM GESETZ (1926, Regie: Lew Kuleschow) und DRITTE KLEINBÜRGERSTRASSE (1927, Regie: Abram Room). 1940 erscheint das umstrittene Buch „Über Majakowski“. In den 60er Jahren die große Studie „Lew Tolstoi“ und in den 70er Jahren die Romanbiographie „Eisenstein“.

Der Regisseur Bernhard Sallmann wurde 1967 in Linz/Österreich geboren und lebt seit 1988 in Berlin. Er studierte zuerst Publizistik, Germanistik und Soziologie in Salzburg und Berlin, danach Film- und Fernsehregie in Potsdam-Babelsberg.
Film- und Videoarbeiten (Auswahl): Oderland. Fontane (2016), Fastentuch 1472 (2015), Die Lausitz 20X90 (2004), Die Freiheit der Bäume (2003), 400 Km Brandenburg (2002), Berlin-Neukölln (2001)