L' Atalante de Jean Vigo

Film
Samstag, 25. November 2017 - 19:00

Seinen zweiten Spielfilm L’Atalante (1934) drehte Vigo, als sich seine Tuberkulose-Erkrankung zunehmend verschlimmert hatte.

Der Binnenfrachter Atalante ist auf den Wasserstraßen Frankreichs unterwegs. Die beiden Protagonisten des Films sind ein frischvermähltes Paar, das zusammen mit einem alten exzentrischen Matrosen (Michel Simon) und einem Schiffsjungen die Besatzung bildet. Die junge Ehefrau, gespielt von Dita Parlo, liebt ihren Mann (Jean Dasté), versucht der Beschränkung ihres täglichen Lebens auf Wasserstraßen zu entfliehen. Sie sehnt sich nach den Aufregungen, die eine Stadt wie Paris zu bieten hat und wird von einem fliegenden Händler zu einem Ausflug an Land verführt. Der Ehemann fährt trotzig weiter, ohne sie. Aber sie fehlt ihm. Erstmals sieht er, was ihm zuvor nie gelang, ihr Bild, indem er die Augen unter Wasser öffnet: wie ein süßer Geist schwebt sie im Brautkleid vor ihm. Alleine in der großen Stadt, sehnt sie sich nach ihrem Mann und dem Zuhause auf dem Schiff. Mit Hilfe des alten Matrosen und eines Seemannsliedes finden die jungen Eheleute wieder zusammen.

Auch bei diesem Film, der von führenden Filmkritikern wiederholt zu den zehn besten gezählt wird, wird von den Rezensenten vor allem die visuelle Atmosphäre herausgestellt. Einerseits werden die Szenen als realistisch bezeichnet, andererseits wird auf eine magische Überhöhung hingewiesen. „Vordergründig eine einfache Ehegeschichte, gewinnt der Film durch die surreale Traumlandschaft der Seine eine mythisch-parabelhafte Dimension“ heißt es in einer Rezension.

Inhaltlich geht es in dem Film um das Frischvermähltsein und die Liebe junger Brautleute vor dem ersten Kind, einem in der Filmgeschichte auffällig vernachlässigten Thema. Nur noch in Apur Sansar (Apus Weg ins Leben - 3. Apus Welt) gestaltet Satyajit Ray das Thema mit ähnlich zauberhafter Eindringlichkeit.

Der Regisseur François Truffaut hat einige der Anekdoten schriftlich festgehalten, die es um die Entstehung von „L'Atalante“ gibt. Diesen zufolge soll Vigo streckenweise seine Regieanweisungen, auf einer Tragbahre liegend, gegeben haben. Truffaut schrieb: „Man kann sich leicht ausmalen, dass er bei dieser Arbeit in einer Art von Fieber gewesen sein muss“. Als ein Freund ihm den Rat gab, mehr auf seine Gesundheit zu achten, soll Vigo geantwortet haben, dass es ihm an Zeit fehle und dass er daher jetzt alles geben müsse.

Nach einer ersten erfolglosen Probeaufführung wurde der Film drastisch gekürzt und wurde mit Le chaland qui passe neu betitelt. Auch in dieser Fassung war der Film kommerziell gesehen ein Reinfall.

Der Film wurde über lange Zeit hinweg nur in der verstümmelten Fassung gezeigt. Erst im Jahr 1990 wurde die Originalfassung anhand einer in Italien aufgefundenen vollständigen Kopie restauriert. Teile des Dialogs wurden dank digitaler Tonbearbeitung, die über 10.000 Nebengeräusche entfernte, erstmals verständlich. Die herbe Originalmusik des ebenfalls jung verstorbenen Maurice Jaubert kommt dabei voll zur Geltung.

Vigo überlebte die Dreharbeiten nur knapp. 1934, im Alter von nur 29 Jahren, erlag er der Tuberkulose. Er ist auf dem bei Paris gelegenen Cimetière de Bagneux neben seinem Vater Miguel Almereyda und seiner Ehefrau Lydou Lozinska bestattet.