Mauser

Hörspiel
Donnerstag, 16. März 2017 - 19:00

Autor: Heiner Müller (DDR 1929 - 1995)
Produktion: DS-Kultur 1992 stereo
Bearbeitet von: Hans Bräunlich
Musik: Eckehard Binas
Regie: Wolfgang Rindfleisch

Erstsendung: 31. Mai 1992, DS-Kultur

Inhalt:
Das Schuldigwerden, das Erkennen der eigenen Schuld und die Annahme der Strafe dafür - das ist das Thema dieses 1970 als Variation auf ein Motiv aus Scholochows Roman "Der Stille Don" entstandenen Textes: Während des russischen Bürgerkriegs nach 1917 hatte A in der Stadt Witebsk Feinde der Revolution zu töten. Er missbraucht jedoch seine Macht, wird damit selbst zum Feind und soll wie sie mit dem Tode bestraft werden. Dieser lange verbotene Theatertext erwies sich als Vorwegnahme kritischer Auseinandersetzungen mit Fehlentwicklungen der sozialistischen Utopie. Wikipedia schreibt: “So bekräftigt ... Müller in seiner Nachbemerkung: „Die vorgegebene Textaufteilung ist ein variables Schema, Art und Grad der Varianten eine politische Entscheidung, die von Fall zu Fall getroffen werden muß.“ Bei einer Aufführung vor Publikum müssen diesem Kontroll- und Teilnahmemöglichkeiten gewährleistet werden.
Die Kritik an Brecht wird deutlich im Vergleich mit dessen 1930 entstandenen Lehrstück „Die Maßnahme“. Dort gibt ein junger Revolutionär, weitaus eindeutiger als in Mauser, sein Einverständnis mit der eigenen Tötung durch seine Genossen. Er hatte während der illegalen Tätigkeit für die Weltrevolution durch zu viel Mitleid mit einzelnen Individuen, mit Klassengenossen, die Arbeit der ganzen Gruppe gefährdet und sich zudem auch selbst als Individuum für den Klassengegner kenntlich gemacht. Nach seinem Selbstopfer kann die Revolution durch die Gruppe der illegalen Revolutionäre weiter vorangebracht werden. Sinn und Notwendigkeit der Aufopferung stehen außer Frage - eine Konstellation, die zweifellos tragisch-heroische Züge trägt, selbst wenn sie nach dem Lehrstück-Verständnis im Spiel hinterfragt werden kann.
Heiner Müller hingegen konnte nicht länger, wie er häufig betonte, nach der Wegweisung der marxistischen Klassiker Marx, Engels, Lenin arbeiten: Ihr Wort konnte seit der Oktoberrevolution 1917 - seitdem der Versuch begonnen hatte, es in die Praxis zu übertragen - nicht weiterhin als gültiger Autoritätsbeweis genommen werden, wie das in Brechts Maßnahme ausdrücklich noch der Fall war. Die kommunistische Praxis selbst war nunmehr in Spiel und Debatte zu befragen, insbesondere die Antinomien von Terror und Menschentum, von Individuum und revolutionärem Kollektiv.“

Mitwirkende:
Erwin Geschonneck (1. Alter); Lotte Loebinger (1. Alte); Hermann Beyer (1. mittlerer Alter); Dagmar Manzel (1. mittlere Alte); Götz Schulte (1. Jüngerer); Tatjana Besson (1. Jüngere); Uwe Baumgartner (Stimme)

Abspieldauer: 49'54"